European Healthcare Autonomy.

European Healthcare Autonomy.

Dieser Beitrag ist der erste Teil unserer Serie zur „European Healthcare Autonomy“. In den kommenden Wochen und Monaten möchten wir aus der Sicht verschiedener Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen beleuchten, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, um eine EU-weite Unabhängigkeit im Gesundheitswesen zu gewährleisten. Der erste Beitrag widmet sich der aktuellen Situation um Engpässe in der Medikamentenversorgung während der Coronakrise.

München, den 30. April 2020 von Moritz Haucke.

In Apotheken bietet sich europaweit derzeit vielerorts dasselbe Bild: hat man die Wartezeit hinter sich gebracht, ist das benötigte Medikament oft nicht verfügbar. Der Grund: Lieferengpässe.

2019 – also noch vor der aktuellen Krise – hatte sich die Zahl der Lieferengpässe mit 18 Mio. Fällen im Vergleich zu 2018 annähernd verdoppelt. Betroffen war die ganze Breite pharmazeutischer Produkte von Antidepressiva über Blutdruckmittel bis hin zu Schmerzmitteln.

Oligopolmarkt und Rabattverträge.

Um Kosten für Herstellung und Entsorgung zu senken, wurde die Produktion, speziell von pharmazeutischen Grundstoffen, beinahe vollkommen ins außer-europäische Ausland verlagert. Immer weniger große asiatische Wirkstoffproduzenten versorgen die globalisierte Welt. Ein Angebotsoligopol entstand und machte vor allem Hersteller von Generika, die 80% der Medikamentenversorgung in Deutschland sichern, abhängig von asiatischen Herstellern. Die Störanfälligkeit dieser hochkomplexen und sensiblen Industrie und ihrer globalen Lieferketten wächst.
Auch sogenannte Rabattverträge, die Krankenkassen exklusiv mit Unternehmen abschließen, tragen ihren Teil zu der sich verschärfenden Lage bei. In diesem Modell ist ein einzelner Hersteller verantwortlich für die Versorgung aller bei einer Krankenkasse Versicherten. Zwar sinkt der Preis, macht jedoch die Produktion lebenswichtiger Medikamente für andere Hersteller nicht mehr länger rentabel. Kommt es zu Lieferengpässen, können andere Hersteller dies nicht abfedern, da es bis zu einem halben Jahr dauert, um eine entsprechende Produktion anlaufen zu lassen. Reichen die Lagerbestände nicht aus, wirkt sich das unmittelbar auf die Versorgung von Apotheken und Krankenhäusern aus.

Die Coronakrise legt Anlagen still und unterbricht Lieferketten.

Aufgrund der Coronakrise mussten chinesische Produzenten von Grundstoffen über Wochen ihre Produktion herunterfahren oder sogar ganz schließen. Auch die Lieferkette nach Indien stand still. Das größte Herstellerland von Generika der Welt erhielt auf einmal keine Grundstoffe mehr. Aus Angst, man könne die eigene Bevölkerung nicht mehr versorgen, untersagte die indische Regierung Exporte von 26 Stoffen und den daraus hergestellten Medikamenten. In der Folge wurden weltweit Medikamente knapp[1].
Einige Generika Hersteller verdreifachten ihre Produktion, um entstehende Lieferengpässe zu kompensieren. Grundstoffe müssen kurzfristig über andere Hersteller bezogen und schnellstmöglich transportiert werden. Teure Luftfracht ersetzt den günstigeren, aber zeitintensiveren Transport über den Seeweg. Aus höheren Preisen für Grundstoffe und Logistik folgen steigende Medikamentenpreise.

Warum ein Umdenken notwendig ist.

Während die EU untätig blieb, setzte der amerikanische Präsident die indische Regierung unter Druck und bewirkte damit die teilweise Aufhebung des indischen Exportstopps. Hier wird deutlich, dass die Europäische Union in Zukunft erheblich mehr tun muss, um die Medikamentenversorgung ihrer eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Anstöße in diese Richtung gab es aus Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen in den vergangenen Jahren zu Hauf. Die Coronakrise zeigt, dass sie auch umgesetzt werden müssen, um die Medikamentenversorgung innerhalb der EU künftig sicherzustellen.

In den kommenden Wochen möchten wir uns in der Serie “European Healthcare Autonomy” der Frage widmen, wie eine Versorgung Europas sichergestellt werden könnte. Dabei möchten wir das gesamte Spektrum der Beteiligten aus Pharma, Medizintechnik und Diagnostik beleuchten und Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen zu Wort kommen lassen.

  1. [1]Laut des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurde allein im März 2020 für 109 Medikamente der Beginn eines Engpasses angemeldet. Mit steigender Tendenz. https://lieferengpass.bfarm.de/ords/f?p=30274:2:609130577714::NO:::. Accessed 30.04.2020.