Social Distancing – a “lesson learned” or a “learning lesson”?

Social Distancing – a “lesson learned” or a “learning lesson”?

München, 20. März 2020.

Die “Corona-Krise“ fordert harte Maßnahmen. Diese beinhalten sogenannte nicht-pharmazeutische Interventionen, die auch das „Social Distancing“ umfassen.

Dem Versuch, die Geschwindigkeit der Durchseuchung der derzeitigen Coronavirus-Epidemie in Deutschland bzw. das pandemische Geschehen weltweit zu verlangsamen, bleibt nur die Option der nicht-pharmazeutischen (nicht-medikamentösen) Maßnahmen, da wir Stand heute keine spezifischen Medikamente und keinen Impfstoff zur Therapie, bzw. Prävention der Coronavirus-Infektion haben. Darunter fallen Maßnahmen wie Heim-Quarantäne, Ausgangssperren, Reisbeschränkungen und das „Social Distancing“ (das Abstandhalten von ca. 1,5 m der Personen zueinander).

Nun stellt sich Virologen die Frage: Können diese Maßnahmen das epidemische Geschehen verlangsamen?

Was haben wir von der Influenza-Pandemie 1918-1919 gelernt?

Die spanische Influenzapandemie 1918-1919 war außergewöhnlich in ihrer Letalität (Anmerk. RH: die Letalität ist die Tödlichkeit einer Erkrankung) und den zahlreichen unterschiedlichen Wellen der Epidemie, die in vielen Gebieten zu beobachten waren. Konservativen Schätzungen zufolge starben weltweit 50 Millionen Menschen, was zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Störungen führte. Die Beobachtungen in Europa und den USA unterscheiden sich jedoch erheblich. In Europa wurde nur eine einzige Herbstwelle beobachtet, während viele US-Städte zwei Spitzenwerte der Sterblichkeit im Abstand von nur wenigen Wochen verzeichneten. Außerdem waren die Unterschiede in der Sterblichkeit in den US-Städten weitaus größer als beispielsweise in Großbritannien. Der Ursprung dieser Unterschiede ist unklar. Bootsma und Ferguson[1] haben Modell-Untersuchungen angestellt, um den Effekt der angeordneten, nicht-pharmazeutischen Interventionen im Bereich der Gesundheit, die in den USA zur Zeit der Spanischen Influenza Pandemie durchgeführt wurden, zu bewerten.

Das Ergebnis ihrer Arbeiten ist hier zusammenfassend dargestellt:

Während der Influenzapandemie von 1918 haben die USA im Gegensatz zu Europa erhebliche Anstrengungen unternommen, um das öffentliche Gesundheitswesen zu verbessern. Die Herbstwelle der Pandemie in den USA war im Vergleich zu Europa auch geografisch sehr unterschiedlich, wobei einige Städte nur einen einzigen großen Höhepunkt der Sterblichkeit und andere einen doppelten Höhepunkt der Epidemie verzeichneten. Es wurde untersucht, ob Unterschiede in den von verschiedenen Städten ergriffenen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit die Unterschiede in den Epidemie-Mustern und der beobachteten Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) erklären können.

Frühe, nicht pharmazeutische Interventionen, „Social Distancing“.

Es konnte gezeigt werden, dass die stadtspezifische Pro-Kopf-Übersterblichkeit (Anmerk. RH: die Übersterblichkeit (auch Exzess-Mortalität) bezeichnet eine erhöhte Zahl von Sterbefällen während einer bestimmten Zeitspanne verglichen mit der zur selben Jahreszeit normalerweise erwarteten Sterblichkeit) im Jahr 1918 signifikant mit der Pro-Kopf-Mortalität von 1917 korreliert war, was auf eine gewisse intrinsische Variation der Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) hinweist, die vielleicht mit soziodemographischen Faktoren zusammenhängt. In der Untergruppe von 23 Städten, zu denen teilweise Daten über den Zeitpunkt der Interventionen vorlagen, wurde eine noch stärkere Korrelation zwischen der Übersterblichkeit und dem Zeitpunkt der Einführung von Interventionen im Rahmen der Epidemie festgestellt. Ein angepasstes Epidemie-Modell für die Abschätzung der Auswirkungen der Interventionen für die wöchentliche Mortalität in 16 Städten wurde unter Verwendung nahezu vollständiger Daten zur zeitlichen Planung der Interventionen eingesetzt. Das Modell reproduzierte die beobachteten Epidemie-Muster gut. In Übereinstimmung mit theoretischen Argumenten wurde festgestellt, dass die zeitbegrenzten Interventionen die Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) nur mäßig (vielleicht 10-30%) reduzierten und dass die Wirkung oft sehr begrenzt war, weil die Interventionen zu spät eingeführt und zu früh aufgehoben wurden. San Francisco, St. Louis, Milwaukee und Kansas City hatten die wirksamsten Interventionen, die die Übertragungsraten um bis zu 30-50% reduzierten.
Die Untersuchung deutet darauf hin, dass Einzelpersonen als Reaktion auf die hohe Sterblichkeit während der Pandemie ihre Kontaktraten reaktiv reduziert haben[2].

Planen der nicht-pharmazeutischen Maßnahmen.

Auch Markel und Kollegen[3] haben untersucht, ob die Planung während der Influenzapandemie 1918-1919 bezüglich eingeleiteter nicht-pharmazeutischer Interventionen i) einen Einfluss auf die Verzögerung der zeitlichen Auswirkungen der Pandemie, ii) der Verringerung der Gesamt- und Spitzeninfektionsrate und iii) der Verringerung der kumulativen Todesfälle eine Rolle spielen könnten.
Solche Maßnahmen könnten möglicherweise wertvolle Zeit für die Herstellung und Verteilung von Impfstoffen und antiviralen Medikamenten liefern. Im Optimalfall würde eine angemessene Umsetzung nicht-pharmazeutischer Interventionen die Belastung der Gesundheitsdienste und der kritischen Infrastruktur verringern.

Milderung der Folgen der Pandemie.

In ihren Untersuchungen konnten sie zeigen, dass die Variation der Sterblichkeit von Stadt zu Stadt mit dem Zeitpunkt, der Dauer und der Kombination von nicht-pharmazeutischen Interventionen, der veränderten Anfälligkeit der Bevölkerung im Zusammenhang mit der früheren Pandemiewellen, der Verteilung von Alter und Geschlecht sowie der Größe und Dichte der Bevölkerung zusammenhängt.
Markel und Kollegen konnten einen starken Zusammenhang aufzeigen zwischen der frühen, nachhaltigen und mehrschichtigen Anwendung von nicht-pharmazeutischen Interventionen und der Milderung der Folgen der Grippepandemie von 1918-1919 in den Vereinigten Staaten[4].
Auch das Deutsche Ärzteblatt hat die Fragestellung: „COVID-19: Wie Quarantäne und andere nicht-medikamentöse Maßnahmen die Spanische Grippe ausgebremst haben“ in ihrer Online-Ausgabe vom 16.03.2020 adressiert[5].

Fazit.

Wir haben daher gelernt, dass nicht-pharmazeutische Interventionen, die das „Social Distancing“ beinhalten, einen erheblichen Beitrag nicht nur zur Verlangsamung und Milderung der Folgen der Grippe-Pandemie, sondern auch zur deutlichen Reduktion der mit der Pandemie verbundenen Sterblichkeit beigetragen haben.
Es ist davon auszugehen, dass auch die zurzeit staatlich angeordneten, nicht-pharmazeutischen Interventionen die gegenwärtige Coronavirus-Pandemie die Belastung der Gesundheitsdienste und der kritischen Infrastruktur verringern werden.
Belastbare Daten zur wirkungsvollen Eindämmung der Coronavirus-Epidemie in Deutschland und zum pandemischen Geschehen weltweit können jedoch wohl erst in Zukunft gezeigt werden.

Referenzen.
  1. [1] Bootsma MCJ, Ferguson NM. The effect of public health measures on the 1918 influenza pandemic in U.S. cities. Proc Natl Acad Sci USA 2007; 104: 7588-93 doi: 10.1073/pnas.0611071104 pmid: 17416677.
  2. [2] Op cit 1.
  3. [3] Markel H, Lipman HB, Navarro JA, Sloan A, Michalsen JR, Stern AM, et al., et al. Non-pharmaceutical interventions implemented by US cities during the 1918-1919 influenza pandemic. JAMA 2007; 298: 644-54 doi: 10.1001/jama.298.6.644 pmid: 17684187.
  4. [4] Op cit 3.
  5. [5] Ärzteblatt 16. März 2020. COVID-19: Wie Quarantäne und andere nicht-medikamentöse Maßnahmen die Spanische Grippe ausgebremst haben. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111067/COVID-19-Wie-Quarantaene-und-andere-nicht-medikamentoese-Massnahmen-die-Spanische-Grippe-ausgebremst-haben?rt=d843a216383cf7b8adfaeea584f3d62e, Accessed 16 March 2020.